Spiegel Start | 20.7.24

Text: Marie-Charlotte Maas

Bildredaktion: Claudia Apel

“Die Verwandlung von Anakha Shaji, der Programmiererin, zu Anakha Shaji, der Fleischereifachverkäuferin in Ausbildung, dauerte knapp neun Stunden. Es war ein Samstag im September 2022, als sie gegen 17 Uhr in ein Flugzeug in Neu-Delhi stieg, das sie, damals 20 Jahre alt, in ihr neues Leben bringen sollte. 6100 Kilometer, einen indischen Liebesfilm, ein Abendessen aus Lamm und Kartoffeln und ein paar Stunden Schlaf später landete Shaji in Frankfurt am Main, so erinnert sie sich heute. Im Gepäck zwei Koffer mit je 23 Kilo, voller indischer Gewürze, Reis und ihrer Lieblingsmarmelade.

In einem Bus ging es für Shaji weiter nach Weil am Rhein, eine Stadt mit knapp 30.000 Einwohnern in Südbaden. Hier sollte sie von nun an lernen, Schnitzel zu braten, Fleischwurst zu wiegen und Nudelsalate auf einer Platte anzurichten. Mit dieser Reise, dem ersten Flug ihres Lebens überhaupt, war Shajis altes Leben vorbei.

In Indien hatte sie Informatik studiert, doch als Programmiererin hätte sie in ihrer Heimat keine Zukunft gehabt, sagt sie. Der Job sei zu schlecht bezahlt, wie so viele Berufsfelder dort, nicht mehr als 500 Euro im Monat hätte sie verdient. Von Kommilitonen hörte sie, dass es Agenturen gibt, die junge Inder als Azubis nach Deutschland vermitteln. Sie habe sofort teilnehmen wollen. »Jeder Job in Europa, egal welcher, ist besser als einer in Indien«, sagt Shaji.”